Veras Texte


Vera schreibt ab jetzt auf dem Blog jeden Sonntag einen kurzen Auszug, der sich am Ende zu einer Geschichte zusammensetzt! Viel Spaß beim Lesen!


 

"Hallo Leute, ich bin Vera, 16 Jahre alt. In meiner Freizeit spiele ich Tischtennis, Klavier und Gitarre. Außerdem lese ich gerne und liebe es, Geschichten zu schreiben. Vor allem deshalb, weil man sich beim Schreiben total verrückte Dinge ausdenken kann, was echt Spaß macht ;), und man sich ganz eigene Personen und Welten erschaffen kann. 

Also vielleicht habt ihr ja mal Lust, eine meiner Geschichten hier zu lesen, ich wünsche euch viel Spaß!"


Als ich aufwache, weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt.

„Hier stimmt etwas nicht, Maribelle!“, rufe ich meiner kleinen Schwester zu, die ich unter meinem Bett aufbewahre. Sofort schießt Maribelle hervor, einige Würmer in den Haaren hängend und mit tiefroten Augenringen. Sie züchtet nämlich eine spezielle Art von Würmern in der Wurmfarm unter meinem Bett.

Sie starrt mich kritisch an, während ich anfange, Algen aus meinen Haaren zu zupfen.

„Du verwandelst dich in ein Straßenschild“, sagt sie dann.

„Oh nein“, ist alles, was mir dazu einfällt.

Dann beginnt Maribelle eine schleimige graue Flüssigkeit auf meine Füße zu streichen, die die Verwandlung stoppen soll.

„Bist du sicher, dass das hilft?“, frage ich, inzwischen etwas ängstlich, weil meine Hände merkwürdig anschwellen, mein Körper aber immer flacher wird und eine rötliche Färbung annimmt, was bedeutet, dass ich zu einem Stoppschild mutiere.

Maribelle nickt nur. Sie ist erst zwei Jahre alt, aber nicht dumm.

„Wie läuft´s mit den Würmern?“, frage ich.

Sie nickt wieder. Sie ist nicht besonders gesprächig.

Ich schaue aus dem Fenster.

„Unser Schneemann ist geschmolzen“, stelle ich fest.

„Ich weiß, er war unglücklich.“

„Wir hätten ihm mehr zu essen geben sollen.“

„Ich habe ihm täglich zwei Portionen Katzenfutter hingestellt, aber er wollte sie nicht.“

Sie ist inzwischen fertig, die Creme auf meinen Füßen zu verteilen und legt nun sorgfältig einige Eukalyptusblätter oben drauf. Sofort spüre ich, wie die Schwellung zurückgeht und auch mein Körper wieder seine normale Form annimmt.

„Maribelle, du bist ein Genie!“, lobe ich sie.

Sie nickt nur. Immer so bescheiden, die Kleine.

„Deine Augen sind lila“, bemerke ich.

„Ich habe Kontaktlinsen drin.“

„Achso.“ Das hätte ich mir denken können.

Sie verkriecht sich wieder unter dem Bett, um uns eine Tasse Tee zu kochen. Sie macht immer Orangenblüten-tee. Das erinnert mich an die erste Begegnung mit meinem Vater.

Er hatte sich die Haare grün gefärbt, trug einen langen schwarzen Mantel und eine riesige Sonnenbrille, obwohl es Winter war.

„Jimmy“, fragte er mich. „Warum hast du einen Jungennamen?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete ich.

Dann warf er einen Stock.

„Dad“, fragte ich. „Bin ich ein Hund?“

„Jimmy“, sagte er. „Entschuldige.“

Dann gingen wir in ein Café, tranken Orangenblütentee und färbten uns die Haare himmelblau. 

 

 

 

Plötzlich zupft mich mein Hund Paprika am Bein. Er will mich auf ein Kaninchen aufmerksam machen, das immer wieder gegen das Glas unserer Terassentür knallt. Es hat oranges Fell und ist wunderschön. Paprika fängt an zu bellen und ich muss ihn beruhigen.

„Maribelle“, rufe ich. „Schau mal! Ein Kaninchen! Wir könnten ihm fliegen beibringen.“

Maribelle kommt mit drei Tassen wunderbarem heißen Tee unter dem Bett hervor und nickt: „Eine gute Idee. Weißt du noch du noch letzten Herbst, als wir Benni das Fliegen beigebracht haben?“

Dann trinken wir Tee und schwelgen in Erinnerungen.

 

Nachdem wir die Tassen mit unserem Hochdruckreiniger abgespült und wieder verstaut haben, hält Maribelle mir einen Zeitungsausschnitt unter die Nase.

Gesucht! steht da

Wir brauchen kompetente Apotheker/innen, die in der Schildkröten-Apotheke am Ulf-Uttinger-Platz arbeiten möchten. Da sich niemand für diesen Job findet (aus verschiedenen Gründen, wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, informieren Sie sich bitte bei uns persönlich), bekommen Sie pro Stunde 111 Euro und 13 Cent, was eine wirklich gute Bezahlung ist.

Also, zögern Sie nicht! Melden Sie sich bei uns!

 

„Cool“, sage ich und gebe meiner Schwester den Zettel zurück. Sie starrt mich an und ihre lila Augen scheinen größer zu werden.

„Was ist?“, frage ich.

„Ich will da arbeiten“, sagt sie.

„Bist du sicher?“

Sie nickt und guckt mich ernst an.

„Findest du nicht, dass du dafür ein bisschen zu jung bist?“, will ich wissen.

Sie schüttelt den Kopf und sagt voller Inbrunst: „Sei nicht immer so pessimistisch, Jimmy!“

„Was hat das mit Pessimismus zu tun?“, frage ich aufgebracht. „Ich mache mir nur Sorgen um dich. Vielleicht wirst du von den anderen Apothekern geärgert, weil du erst zwei Jahre alt bis!“

„Ach was, mein geistiges Alter liegt bei circa 20. Das weißt du doch.“

Allerdings, das weiß ich. Obwohl Maribelle noch so jung ist, ist sie klüger, als jeder Andere, den ich kenne, mich eingeschlossen.

Ich seufze. „Na gut, dann werd eben Apothekerin. Dein Horoskop hat ja sogar gesagt, dass das Heilen deine Berufung ist.“

 

 

„Glaubst du etwa an Horoskope?“, fragt sie missbilligend, aber ich bin plötzlich zu erschöpft, um ihr zu antworten, und krieche unter meine Bettdecke.

 

 

 

Am nächsten Morgen fahre ich Maribelle mit unserem Auto zu ihrer neuen Arbeitsstelle.

Unser Auto heißt Schelden. Es ist wunderschön. Ein elegantes Knallgrün und rote Punkte. Außerdem hat es ziemlich oft Schluckauf, was sehr nervig ist. Einmal zum Beispiel hat Schelden so heftig gehickst, dass alles gewackelt hat, und ich fast in einen Baum gefahren wäre.

Ich habe den Baum aber nur gestriffen, durch den Ruck ist der Becher mit Erdnussbuttermilchshake, den ich oben auf einer Ablage deponiert hatte, heruntergefallen und wir wurden alle mit klebriger Erdnuss-Milch-Mischung geduscht.

Das war zwar nicht besonders lecker, aber das wirklich Schlimme war, dass der Becher auf der Vorrichtung von Maribelles Schleudersitz gelandet ist, und Maribelle so durch die Autodecke hindurch in die Luft geschleudert wurde. Da oben schwebte sie dann eine Weile mit dem Fallschirm am Himmel, segelte immer weiter nach unten und blieb schließlich an der Speerspitze der Statue von unserem Springbrunnen hängen.

Ich habe dann die Feuerwehr gerufen, die sie nach einigen Stunden wieder vom Springbrunnen gepflückt haben.

 

Seitdem sitzt Maribelle nur noch auf dem Rücksitz, weil sie eine Phobie vor Schleudersitzen entwickelt hat.

 

„Die Ampel war rot, Jimmy“, meldet sich der kleine Affe zu Wort, der im Handschuhfach des Beifahrersitzes lebt.

 

„Ich weiß“, sage ich.

Dann schweigen wir.

 

Schließlich meint der Affe: „Es ist windig draußen.“

„Ich weiß“, antworte ich.

„Du solltest eine Mütze anziehen.“

„Ich weiß.“

Mit dem Affen kann man einfach nicht reden.

„Mit dir kann man nicht reden!“, werfe ich ihm vor.

„Ich weiß“, sagt er beleidigt und verzieht sich im Handschuhfach.

„Wir müssen ihn loswerden“, sage ich zu Maribelle. „Die Frage ist nur, wie.“

„Wir könnten ihn zum Beispiel umbringen“, schlägt sie vor und lächelt. Darüber könnte man mal nachdenken.

Wir kommen an der Apotheke an. Maribelle bezieht ihren neuen Posten.

Sie ist wirklich mutig.

 

 

 

Ich gehe ein Eis essen, während meine Schwester ihrer Berufung nachgeht.

Es gibt eine kleine Eisdiele in der Nähe von unserem Haus, bei der man außer Eis auch lebendige violette Eulen und Löwen kaufen.

Als ich dort ankomme, sehe ich zwei neue Verkäufer hinter der Theke stehen.

Eine circa 90-jährige Oma, die eine Lotusblüte in den Haaren und eine knallgelbe, riesengroße Brille auf der Nase hat. Der Andere ist ein junger Mann, der eine ausgesprochen interessante Haarfarbe hat. Eine seltsame Mischung aus Weinrot, Lila und Dunkelbraun.

Ich bestelle insgesamt 18 Kugeln Bioeis mit Kiwi-Gurke-Geschmack und setze mich in eine Hängematte, die zwischen zwei riesigen Palmen aufgespannt ist.

Ich beginne mein Eis zu essen, als mich plötzlich jemand am Rücken antippt. Ich drehe mich um und sehe einen riesigen Mann mit schwarzem Anzug und einer teuren verspiegelten Sonnenbrille hinter mir stehen. Dazu gebräunte Haut und nach hinten gegelte, schmierige schwarze Haare. Er sieht aus, wie der typische Macho-Italiener.

„Entschuldigen Sie“, sagt er mit, wie erwartet, italienischem Akzent und einer ziemlich tiefen Stimme. „Wir haben eine Angebote fur Sie.“

„Aha“, sage ich weise.

„Wir verkaufen Biogase fure Auto. Iste sehr billig unde gute fur Umwelt. Sie können hier bestelle.“

„Und ist das auch Auto-freundlich?“, will ich wissen. „Mein Auto hat nämlich oft Schluckauf und ist gegen diverse Sachen allergisch.“

„Isch kann nichte verstehen. Hier Sie haben eine gute große Kanister mit Biogas. Sie könne anschaue.“

Er hält mir einen pinkfarbenen Zehn-Liter-Kanister entgegen. Ich nehme ihn und beginne die Zutatenliste zu lesen.

„Tut mir leid, aber da ist malzextrakthaltiges Verdickungs- und Antioxidationsmittel drin. Mein Auto ist dagegen allergisch“, sage ich, stehe auf und drücke dem Typen den Kanister in die Hand. Dann wende ich mich zum Gehen.

„Nein, warten Sie! Wir haben auch andere Angebote! Sie auch bekomme umsonste!“, ruft er mir hinterher.

„Ach ja, wie komme ich zu der Ehre?“

Er stellt sich direkt vor mich, faltet die Hände zusammen und sagt mit theatralischem Gesichtsausdruck: „Isch kannte Ihren Vater. Er war ein guter Mensch.“

Jetzt bin ich ganz Ohr, denn wenn dieser Typ meinen Vater tatsächlich gekannt hat, ist das vielleicht die Gelegenheit, etwas mehr über ihn herauszufinden.

„Wirklich?“, frage ich.

„Oh ja. Er war immer freundlisch und hate nie Ärger gemachte unde...“

„Nein, ich meine nicht: Wirklich, war er freundlich? Sondern: Wirklich, Sie kannten ihn?“

„Oh ja, wir waren susammen gewohnt fur zwei Jahre unde dann, als er verschwand... es hatte mir das Herz gebrochene.“

„Wissen Sie denn etwas darüber? Ich meine, was passiert ist, als er plötzlich weg war?“

„Nun ja, iste eine lange Geschichte...“

„Na gut, dann würde ich sagen, Sie kommen mit zu mir nach Hause und erzählen mir, was Sie wissen“, schlage ich vor.

„Nun ja...“

„Ich kaufe auch zwei Kanister von Ihrem komischen Biogas.“

„Oh!“, sagt er und strahlt, wie ein kleiner Junge der ein Eis geschenkt bekommen hat, was wirklich komisch aussieht in seinem erwachsenen Gesicht. Wahrscheinlich kommt es nicht oft vor, dass jemand irgendwas von ihm kauft, aber um mehr über meinen Vater zu erfahren werde ich es tun müssen. Außerdem ist es Scheldens Problem, wenn er von dem Biogas Ausschläge auf seinen Autotüren bekommt.

 

 

 

Inzwischen sitzen wir bei mir zu Hause auf dem Sofa und ich frage ihn, ob er einen Kaffee haben will. Daraufhin starrt er mich entrüstet an und sagt beinahe vorwurfsvoll: „Kaffee? Wissen Sie denn nichte, dass das ist schlecht fur die Umwelt? Und iste auch nicht gut fur die Wale, weil die sinde von Austerben bedroht, wissen Sie? Isch sehe mich nichte in Lage su unterstützen diese barbarische Handel und Kaffeetrinkerei.“

Das versetzt mich natürlich erstmal in einen Schockzustand, mein Mund steht sperrangelweit offen, auch meine Augen sind aufgerissen, während ich darüber nachdenke, wie viele Wale wohl schon sterben mussten, nur weil ich Kaffee trinke. Eine schreckliche Vorstellung! Sofort stürze ich ins Badezimmer, wo wir sämtliche Kaffeevorräte aufbewahren, und reiße die Pakete aus den Schränken, was ziemlich lange dauert, da ich erst letztens im Supermarkt zweihundertdreißig Packungen malaysischen Kaffee mit Kaugummi-Geschmack zum Preis für einen gekauft habe. Als ich fertig bin schleppe ich sie alle in die Küche, suche eine riesige Tonne und schmeiße alle Packungen hinein. Dann gebe ein schwarzes, klebriges Pulver dazu und gieße Wasser hinein. Dieses Pulver hat Maribelle letzte Woche erfunden, damit wir nicht so viel Müll produzieren. Man muss nämlich nur ein paar Minuten warten, dann löst sich alles, was ihm in Berührung kommt, von selbst auf. Ziemlich praktisch und ziemlich klug von Maribelle.

Ich kehre ins Wohnzimmer zurück und frage den inzwischen etwas verwirrten Italiener, ob ich ihm etwas anderes anbieten kann.

„Sie hätten nicht sufällige Froschschenkel, oder?“, fragt er, aber ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, tut mir Leid, aber die hat mein Hund letzte Woche alle aufgefressen.“ Dann setze ich mich neben ihn und fordere ihn auf, über meinen Vater und darüber, was damals passiert sein könnte, zu erzählen. 

Er räuspert sich ziemlich lange, sodass ich ihn schon fragen will, ob er ein Hustenbonbon braucht, aber dann fängt er an: „Isch hatte ja mit ihre Vater in denselben Haus gewohnte. Und weil wir haben herausgefunden, dass wir gemeinsame Interesse hatten, haben wir eine Bande gegründet und…“

„Eine Bande?“, frage ich etwas skeptisch und ziehe die Augenbrauen hoch. „Sie meinen so wie die Wilden Hühner?“

 

 

 

„Ja… Nein!“, ruft er und rauft sich die Haare. „Isch meine eine Bande!“ Der Unterschied zwischen Bande und Bande ist mir allerdings nicht so richtig klar, und er scheint es zu merken und versucht nun zu erklären: „Da, wo man machte Musik susammen und singte Lieder.“ Da wird mir klar, dass er eine Band meint und ich nicke.

Er fährt stolz fort: „Er hatte gespielt schottischen Dudelsack und isch rumänischen Dudelsack und dasu haben wir gesungen Volks- unde Wanderlieder. Unde wir waren sehr beruhmt geworden!“ 

In diesem Augenblick geht plötzlich unsere Alarmanlage los und der Italiener springt auf und fällt hin, weil er sich das Bein an unserem Tisch gestoßen hat, und knallt mit dem Kopf auf den Tisch, der umkippt und ihn unter sich begräbt. Ich gehe währenddessen zu dem großen Schalter neben der Tür, drücke drauf und stelle so den Lärm ab. „Keine Sorge!“, rufe ich meinem Gast zu, der unter einem so riesigen Haufen von Büchern, Kastanien, Wassermelonen und was sonst noch so auf unserem Tisch lag, begraben ist, dass ich mich frage, ob er mich überhaupt hören kann. „Das war nur unsere fleischfressende Pflanze, die hat den Alarm ausgelöst, weil sie Hunger hat, wissen Sie? Ich gebe ihr nur kurz was zu essen.“ Ich gehe ins Badezimmer und hole ein paar Biokräcker für die Pflanze, mal etwas Gesundes. Heute Morgen hat sie nämlich schon achtundzwanzig Frikadellen bekommen, und Maribelle ermahnt mich ständig, dass die arme Blume übergewichtig werden könnte. Und Maribelle muss es ja wissen. Die Pflanze scheint mit den Kräckern allerdings nicht sehr zufrieden zu sein, denn sie fängt an ein paar würgende, wirklich besorgniserregende Laute von sich zu geben. „Alles ok?“, frage ich und schaue sie skeptisch an. Leider antwortet sie nicht, sie ist wahrscheinlich beleidigt, dass sie nicht ihr Lieblingsessen bekommen hat. 

Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Der Italiener hat sich inzwischen aufgerappelt, sieht aber trotzdem noch etwas mitgenommen aus. „Alles ok?“, frage ich ein weiteres Mal und erhoffe mir diesmal wenigstens eine Antwort. Doch er schweigt nur und starrt mit verstörtem Blick auf einen unbestimmten Punkt irgendwo hinter mir. „Halloho“, sage ich und wedele ihm mit der Hand vor dem Gesicht herum, aber seine Augen bewegen sich nicht. Irgendwie bewegt sich überhaupt nichts mehr an ihm, habe ich so das Gefühl. Ich tippe ihn verunsichert an der Schulter an und er kippt einfach um, knallt mit Kopf gegen die Kante des Sofas und bleibt so bewegungslos in einer merkwürdigen Position liegen. Das ist jetzt wirklich seltsam. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, einen Krankenwagen zu rufen. Also schnappe ich mir das Telefon und wähle die Nummer des Notdienstes. Zuerst erklingt eine schräge Melodie, die ganz offensichtlich von einer Trompete gespielt wird. Dann meldet sich eine müde Stimme: „Hallo.“ 

„Hallo, ich bräuchte einen Krankenwagen“, fange ich an und nenne meine Adresse. 

„Wollen sie Beaming oder Service?“

„Mir egal.“

„Gut, es kommt gleich jemand bei ihnen vorbei. Wir kommen nicht für die Reinigungskosten auf“, fügt die Stimme genervt hinzu und legt auf. Ich bin etwas verwirrt. Was für Reinigungskosten?

Während ich warte fange ich an, an meinem Eisschiff weiterzubauen. Es ist inzwischen schon ziemlich groß und gute drei Meter lang. Maribelle und ich haben uns überlegt, ob wir in ein paar Jahren mal damit nach Panama fahren wollen, was ich für eine ausgesprochen gute Idee halte.

 

 

 

Nach einiger Zeit klingelt es an der Tür und als ich öffne, steht dort zu meinem Erstaunen ein Baum vor mir. Ein Birnbaum, an dem unzählige reifer Früchte hängen. 

„Was wollen Sie?“ frage ich den Baum.

Mit einer kratzigen, tiefen Stimme antwortet er: „Sie haben einen Notruf abgesetzt, wenn ich das richtig verstanden habe. Hier ist der Service.“

„Seit wann lassen die denn Bäume beim Notarzt arbeiten?“, will ich wissen.

„Seit es die neuen Gesetze für Gleichberechtigung gibt. Ich arbeite nur als Fahrer. Was ist jetzt, soll ich jemanden abholen, oder nicht?“

„Jaja, kommen sie“, sage ich und denke mir dabei: Ist der ungeduldig.

Der Baum versucht nun hereinzukommen, was wirklich leichter gesagt als getan ist. Er muss alle seine Äste einziehen, und ein paar kleine Zweige brechen ab und landen auf dem Boden, als er sich durch die Tür quetscht. Ich folge ihm auf dem Weg ins Wohnzimmer und inzwischen ist mir auch klar, was das mit den Reinigungskosten bedeuten sollte. Einige Birnen, die schon halb vergammelt aussehen, fallen auf den Boden und werden vollkommen zermatscht, als der wuchtige Baum über sie hinweg steigt. Meinen Hund Paprika scheint das allerdings zu freuen, denn er macht sich sofort über die überreifen Birnen her.

Der Baum schnappt sich nun den starren Italiener, hebt ihn einfach hoch und trägt ihn hinaus.

„Diese arme Blume sieht fettleibig aus“, bemerkt er im Vorbeigehen mit einem Blick auf unsere fleischfressende Pflanze. „Sie sollten ihr nicht so viel zu essen geben.“ 

„Danke für den Tipp“, brumme ich und sehe dem Italiener nach, der  nun in den Krankenwagen verfrachtet wird. Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser, damit er mir endlich mehr von meinem Vater erzählen kann.

Nachdem ich die Tür hinter ihnen geschlossen habe, mache ich mich ans Aufräumen. Ich fege die matschigen Birnen unter mein Bett. Maribelle wird sich darüber freuen, denn so haben ihre Würmer etwas zu essen und sie muss nicht extra dieses völlig überteuerte Würmerfutter kaufen.

 

Später mache ich mich auf dem Weg, um Maribelle von der Apotheke abzuholen. Vor unserem Haus habe ich vor einigen Monaten eine Art unterirdische Höhle eingebaut, in der wir von da an unser Auto Schelden geparkt haben. Schelden war nämlich der Meinung, dass er sich Erkältungen zuziehen könnte, wenn er die ganze Nacht über draußen steht. Ein bisschen kann ich das ja verstehen, aber, meine Güte, er ist ein Auto und soll sich mal nicht so anstellen! Jetzt jedenfalls drücke ich auf den grünen Knopf direkt an unserem Springbrunnen und die Erde öffnet sich und Schelden fährt nach oben. 

„Hier, ich hab dir was ganz Besonderes mitgebracht“, sage ich zu ihm und halte ihm den Kanister mit dem Biogas des Italieners hin.

So ganz glücklich sieht er damit nicht aus, er guckt eher etwas misstrauisch. Aber das ist mir egal. Ich steige ein und mache mich auf den Weg zur Apotheke. 

Sofort meldet sich der kleine Affe zu Wort: „Es ist sonnig draußen.“

„Ich weiß.“

„Du solltest einen Hut anziehen.“

„Musst du eigentlich immer über das Wetter reden?“

„Von übermäßiger Sonneneinstrahlung kann man Hautkrebs kriegen.“

Ich erwidere nichts darauf.

Er fährt fort: „Seidenspinnraupen haben elf Gehirne. Mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, verbraucht circa 150 Kalorien pro Stunde. 20 Prozent aller Autounfälle in Schweden werden durch Elche verursacht. Ein Moskito hat 47 Zähne.“ 

Der Affe wird mir mit der Zeit immer unheimlicher. „Du bist irgendwie gruselig“, sage ich zu ihm. Was er natürlich sofort als Beleidigung auffasst und sich daraufhin beleidigt in sein Handschuhfach verzieht. Ich muss mir mit Maribelle wirklich etwas überlegen, wie wir ihn loswerden.