Marie Pellissier

Mit folgenden Worten beschreibt Marie Pellissier ihre Kindheit:

 

"Meine jüngste Kindheit habe ich in Brüssel verbracht wo ich einen französischsprachigen Kindergarten besuchte. Ich liebte die großen Parks (vor allem im Herbst, wo wir durch die Blätterberge tobten) war fasziniert von Puppen - in Brüsseler Spitze gehüllt - Stilmöbeln, alten Damen und den Dackeln, die sie spazieren führten, Eclairs, Gauffres, Kroketten und bunt blinkendem Christbaumschmuck. In besonderer Erinnerung sind mir noch die Aufführungen im Kindergarten auf einer echten Bühne in einem echten Theatersaal. Kurz: Brüssel war alles, was das Leben lebenswert zu machen schien." Wow, da will man doch sofort auch nach Brüssel! "Wenn ich meine Lucie-Krimis schreibe, so tue ich das aus zwei tiefen Gefühlen heraus: aus Liebe zu dieser Stadt, zu diesem Gebäude und zu meiner Gardienne. Und aus tiefstem Heimweh. Verbringen wir also etwas Zeit gemeinsam in Paris? Und wenn es nur zwischen zwei Buchdeckeln ist." Ich komme mit auf Lesereise, ob nach Paris oder nach Brüssel. Aber zuerst möchte ich etwas mehr über Marie Pellissier (dieser wunderschöne Name ist übrigens ein Künstlername) erfahren!

1. Würden Sie uns ein wenig über sich erzählen – Ihre Hobbys, Lebenssituation, Ihren Traum vom Glück, was Sie ärgert, welche Gabe Sie gerne besäßen …?

Meinen Traum vom Glück lebe ich gerade. Ich kann kreativ sein und ich kann Menschen helfen. Ich liebe meine Familie samt Katze, wohne in einer schönen Stadt in einer schönen 

Wohnung und habe wunderbare Freunde und inspirierende Menschen um mich herum. Ich habe viel zu geben und fühle mich sehr beschenkt. 

Was ärgert mich? Wenn meine (PC-)Infrastruktur nicht funktioniert. Konsumhaltung. Mangelnde Empathie. Richtig empören kann ich mich über mangelnde Loyalität. Oder wenn meine Glaubwürdigkeit in Frage gezogen wird.

Die Güte, wie mein Mann sie besitzt, hätte ich gerne. 

2. Wie kamen Sie zum Schreiben?

Ich habe schon als Jugendliche sehr gerne geschrieben und wollte Schriftstellerin werden, bevor mich der plötzliche Tod meiner Sandkastenfreundin so verunsicherte, dass ich erst 

einen "vernünftigen Job" gelernt habe, weil ich hoffte, in der von außen vorgegebenen Struktur Sicherheit zu finden.

3. Wie finden Sie Ihre Themen und Namen der Charaktere?

Die Namen sind manchmal zunächst nur Platzhalter und werden später von mir geändert - allerdings ist das nicht immer so. Gerade arbeite ich zum Beispiel an der Figur eines

Ballettdirektors, der momentan noch "Guillaume" heisst. Ich kann mir vorstellen, dass ich das noch ändere. Meine Lieblingstänzerin allerdings wird wohl ihren Namen behalten.

Die Themen meiner Figuren kommen auf mich zu. Im Laufe des Entstehungsprozesses des Buches kann sich auch da noch viel ändern. Das Buch an dem ich im Moment arbeite

ist jetzt schon ganz anders, als vor 10 Monaten.

4. Was lesen Sie selber gerne?

Wenn ich mal einen Roman lese - und das kommt seltener vor als Sachliteratur - dann gerne Bücher, die humorvoll, spannend, überraschend und voller Herzensweisheit sind und mich 

vielleicht noch in eine Welt entführen, die ich nicht selbst kenne.

Ich finde, ein Buch sollte die Seele nähren und nicht das Herz verwirren. Gerade lese ich "Anna Karenina" und "Die vierzig Geheimnisse der Liebe".

5. Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Ich mag gerne Klassiker. Theodor Fontane, Jane Austen, Mark Twain, Agatha Christie (handverlesen: ca. 30 Prozent der Bücher, die ich von ihr gelesen habe finde ich richtig gut).

Aber auch Kinderbuchklassiker liebe ich: Erich Kästner, Astrid Lindgren, manche Bücher von Christine Nöstlinger. Und Harry Potter finde ich immer noch ein Feuerwerk

an Fantasie - wunderbar!

Donna Leon lese ich auch gerne. 

6. Wer ist Ihr liebster Romanheld?

Da bin ich hoffnungslos romantisch: Ich liebe Mr. Darcy. Auch Commissario Brunetti mag ich wirklich gerne.

7. Hatten Sie ein besonderes Erlebnis als Autorin? Welches war das?

Die besonderen Erlebnisse als Autorin haben immer mit Menschen zu tun. Wenn ich durch mein Schreiben interessante Menschen kennen lernen kann, ist das ein 

großes Geschenk. 

8. Können Sie und einen Lesetipp geben?

"Die vierzig Geheimnisse der Liebe" finde ich gerade ganz wunderbar, aber ich vermute die Zielgruppe der Leser ist da um die vierzig und älter ...

Als Jugendliche war mein Lieblingsbuch übrigens "Der gelbe Vogel". Das finde ich immer noch sehr empfehlenswert.

9. Was ist Ihr nächstes Projekt?

Lucie klärt einen Mordfall an der Pariser Oper auf.

10. Haben Sie sich schon einmal gewünscht, im Nachhinein etwas an Ihren Bücher ändern zu können?

Ja!

11. Mit welchem Ihrer Charaktere würde Sie gerne einmal einen Tag verbringen? Was würden sie zusammen unternehmen?

Mit Lucie und Legrand. Mit Florine sicher auch. Von Legrand würde ich mich durch Paris führen lassen und bewundernd an seinen Lippen hängen, was er sich alles angelesen hat.

Ich würde mit ihm ins Museum gehen und mich dann schick zum Essen einladen lassen. Er wäre der vollendete Gentleman, weil ich ihn genau an diese Stelle packen würde.

Mit Lucie hätte ich natürlich nicht so leichtes Spiel und sie würde mir sehr schnell auf den Grund meiner Seele schauen. Mit ihr würde ich mich in den Hinterhof des Hotels Sully setzen

und mir die neusten Geschichten der Bewohner erzählen lassen. Natürlich müsste ich das geschickt anstellen, denn sie ist sehr stolz auf ihre Diskretion. Also sollte ich zuerst mit 

ihr Wäsche legen und vielleicht die Treppenstufen putzen, damit sie das Gefühl hat, dass auch etwas sinnvolles erledigt wurde.

Mit Florine würde ich sehr gerne ins Ballett gehen. Und im Hof des Centre du danse de Marais sitzen und etwas nettes trinken. Am liebsten aber hätte ich eine Einzelballettstunde bei ihr.

Das wäre wunderbar!

12. Schreiben Sie auch sonst gerne Artikel für Magazine? Worin liegen Ihrer Meinung nach die Unterschiede, wenn es um kleine Artikel geht und wenn man ein Buchs schreibt?

Ich schreibe keine Artikel. Für ein Buch braucht man einen unglaublich langen Atem ...

13. Was fällt Ihnen am Entstehungsprozess eines Buches sehr leicht, was schwer? Vielleicht gibt es auch etwas, was Sie total super oder total fürchterlich finden?

Es ist alles sehr leicht und alles sehr schwer. Je nachdem, ob es gerade fliesst oder nicht.

14. Wie leicht oder schwer ist es für Sie, Ihre Buchidee jeweils bei einem Verlag unterzubringen?

Das macht meine Agentin für mich.

15. Wie organisieren Sie einen Schreibprozess? Wie lange brauchen Sie für ein Buch?

Sehr lange. Ich arbeite intensiv an meinen Büchern. Es ist nicht so, dass alles von alleine als Inspiration durch mich hindurch fliessen würde.

Normalerweise plane ich feste Zeiten, an denen ich am Buch arbeite. Momentan ist so vieles anderes zu tun auch noch im Rahmen unseres Umzuges und anderer Projekte, 

dass ich gerade ein paar Wochen pausiere.

16. Bei Ihrer ersten Buchveröffentlichung: Was haben Sie von der Buchveröffentlichung damals erwartet und was davon ist in Erfüllung gegangen?

Erwartet habe ich nichts. Ich finde, dass der Verlag ein wunderschönes Cover gestaltet hat und und bin mit dem Werk sehr zufrieden, wenn ich es in den Händen halte.

Die ersten Wochen lag es auf meinem Nachttisch und ich habe mich einfach immer daran gefreut, wenn ich es gesehen habe. Es ist gut, einen Tag in Freude zu 

beginnen und in Freude zu beenden.

17. Haben Sie je Schreibworkshops besucht? Helfen diese tatsächlich weiter?

Hilft die Schule weiter? Ich denke, das kommt immer auf Interesse und Begabung des Schülers, so wie auf Qualität des Lehrers an.

So ist es auch mit Schreibworkshops. Es lässt sich viel darüber lernen, wann eine Geschichte funktioniert und wann nicht, d.h. Struktur.

Die "Schreibe" selbst, der Stil, die Erzählsprache - ich glaube dafür braucht man das nötige Gespür.

18. Schreiben Sie lieber für Kinder und Jugendliche oder für Erwachsene?

Als Jugendliche wollte ich Kinder- und Jugendbuchautorin werden. Momentan schreibe ich für Erwachsene, denn ich denke, dass mich selbst die Themen der Erwachsenen gerade

mehr beschäftigen. Oder vielleicht ist mir auch nur diese Perspektive näher. Das ist eine wirklich gute Frage, denn wenn ich darüber länge nachdenke, springt mich gleich folgendes

Thema an: 

Ich habe den Eindruck, dass Jugendliche heute noch cooler sein müssen als wir damals. Schlimm finde ich, wie der Begriff "Opfer" sich gewandelt hat. "Täter" zu sein ist

ok, aber wer "Opfer" ist hat verloren. Und das häufig noch mit medialer Begleitung. 

Mein höchster Wert, nämlich das Mitgefühl, ist da nicht leicht zu leben. 

Auch erlebe ich wie eine Konsumhaltung mehr und mehr Raum gewinnt, v.a. wenn man überlegt, dass die Werbewirtschaft Jugendliche noch gar nicht so lange als Zielgruppe auf dem Radar hat.

Die eigentliche Aufgabe heranwachsender Menschen, sich auszuprobieren, eigene Werte zu entwickeln und zu wirklich freien Menschen zu werden scheint mir 

heute nicht leichter als vor 50 oder 100 Jahren - obwohl unsere Zeit angeblich so liberal sein soll. 

Der Zwang, den Euch Medien und Bezugsgruppen auferlegen, ist nicht ohne und muss man schon ein sehr starker Mensch sein, um nicht 

mit zu schwimmen, gerade in einem Alter, wo sich kritisches Denken entwickelt. Also: wunderbare Themen und Konfliktbereiche für Jugendbücher.

Die dazu passende Erzählsprache müsste ich wohl noch ausprobieren. Das käme auf einen Versuch an.

Kinderbücher hingegen müssen mit dem Herzen geschrieben werden, einfach sein und eine klare Struktur haben.

Und wenn man das als Autorin kann, dann überdauern diese Bücher Jahrzehnte.


Vielen Dank für Ihre Antworten!

 

 

 

Und hier ist der Krimi! Mit dem Link kommt ihr zu dem Buch direkt, der Beschreibung, etc. Aber auf der website der Autorin findet ihr noch mehr Informationen über sie und kurze Videos zu Lesungen von "Die tödliche Tugend der Madame Blandel"