Aurelia Velten in der ...



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Bildquelle: © Copyright by Colin Smith, licensed this Creative Commons Licence. Adaptions to the photo were made.

 

Herzlich willkommen an der Speakers’ Corner! Da ich nicht persönlich vor Ort sein konnte, habe ich einen Mann beauftragt, ein Bild von mir hochzuhalten und ein Foto schießen zu lassen … hüstel, hüstel … der Mann heißt Photoshop.

Wenn nun alle bequem stehen und zuhören, möchte ich beginnen: Es soll ums Schreiben gehen, nicht? Zu erläutern, wie ich angefangen habe, Geschichten zu Papier zu bringen, ist vermutlich nicht ganz so spannend, deswegen werde ich es nur kurz umreißen und mich dann viel lieber dem Chaos zuwenden, welches meine Romanfiguren regelmäßig anrichten…

Wie alt/jung ich genau war, weiß ich nicht mehr, ungefähr zwölf vielleicht. Schreiben war heimlich – vielleicht war es mir peinlich –, deswegen habe ich meiner Familie erzählt, ich schriebe Tagebuch. An dieser Lüge war allerdings ein großer Denkfehler: Wenn man nur noch schreibt und gar nichts mehr erlebt, über was berichtet man dann bitte seinem Tagebuch?

Nun, offensichtlicher Weise hat diese fein ausgeklügelte Ausrede nicht lange gehalten. Dennoch habe ich nie jemanden etwas von mir lesen lassen bis ich fünfzehn war. Meine Mutter war die erste und sonst nur noch ganz wenige enge Freunde. Mittlerweile kann ich offen darüber reden und meine Mum liest alles von mir – auch wenn das echt peinlich sein kann, Stichwort Sexszenen im Liebesroman … Die Horrorvorstellung wäre, wenn mein Vater je auf die Idee käme, etwas von mir zu lesen!

Darüber möchte ich aber lieber gar nicht nachdenken, also wende ich mich nun dem angekündigten, deutlich angenehmeren Thema zu: Den Romanfiguren.

Oft werde ich gefragt, ob ich einen Plot für meine Bücher erstelle, mich an diesem entlang hangele und Schritt für Schritt schreibe.

Nein. Absolut nicht.

Das ist sicherlich bei jedem Autor anders, ich habe lediglich ein paar Szenen (manchmal sogar nur eine einzige) im Kopf, die mich für die neuen Figuren erwärmt, mich neugierig und gespannt auf sie macht. 

Diese Szene kann am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Plots liegen; ohne die Geschichte zu kennen, weiß ich dennoch, wo ungefähr sie hingehört. Wenn mich so eine Szene überfällt, muss ich meistens gleich, SOFORT, unbedingt anfangen zu schreiben. Je nach dem, wo die Szene im Plot liegen würde, kann es unendlich lange dauern, bis ich dort ankomme, da ich ja erst einmal die Teile davor aufschreiben muss. Durch die Bilder in meinem Kopf habe ich aber schon einen gewissen Eindruck von meinen Figuren. Beginne ich dann erst einmal ein neues Buch, entwickeln sich die Protagonisten davon ausgehend weiter und irgendwann machen sie wirklich nur noch was sie wollen. 

Nicht ich bestimme die Geschichte. Sie machen das.

Nicht ich weiß, wo es langgeht (nur so ungefähr), sondern die Figuren führen mich dort hin.

Oft habe ich das Gefühl, ich lese die Geschichte nur selbst und schreibe sie nicht. Wenn ich etwas lese, das noch nicht fertig ist, ärgere ich mich manchmal sogar, dass der Text plötzlich aufhört – obwohl ich weiß, wie die Geschichte endet. Aber wissen und „erfahren“ ist einfach nicht dasselbe.

Eines Tages ging ich in die Küche mit einem riesigen Grinsen im Gesicht. Natürlich fragte mich meine Mutter „Was lachst Du denn so?“ Kurz zögerte ich, aber dann platzte es eben doch aus mir heraus: „Die haben die ganze Zeit Sex, ich kann sie nicht davon abhalten!“ Ich musste so laut loslachen, dass meine Mutter mich nur noch irritierter ansah. Hier wird mein „Problem“ also recht deutlich: Ich folge den Figuren nur von Ereignis zu Ereignis, aber sie machen das ganz von alleine – ihre Persönlichkeit, ihre kleinen Macken und Kanten, ihre Eigenheiten bestimmen die Geschichten. Und dieses Pärchen, was ich meiner Mutter da beschrieb, fing recht untypisch für meine Bücher eben gleich mit den heißen Szenen an. Sie sind aufeinander getroffen, explodiert und dann beruhigt es sich wieder. 

Beim Schreiben folge ich also keinen Regeln oder Plots sondern den Vorlagen, die meine Protagonisten mir geben.

Dass Trent ein Alkoholiker ist, hatte ich nie geplant, aber er wollte einfach diesen verdammten Drink (Boston Berserks 1„Vergeben & Vergessen“)! Emilys durch die Schwangerschaft bedingten Stimmungsschwankungen sind einfach so passiert und Mikhail fand umso mehr Spaß daran, sie zu ärgern, umso häufiger ihre Gefühlsausbrüche auftraten (Boston Berserks 2 „Ja, ich will?“).

Allerdings hat all dies nicht nur positive Konsequenzen: „Was zur Hölle ist passiert?!“, fragte mich mein bester Freund, kaum sah er mein verheultes Gesicht per Skype auf seinem PC-Bildschirm. Als ich ihm erklärte, dass eben eine meiner Figuren gestorben sei, und ich die ganze Stunde, in der ich die Szene geschrieben hatte, geweint hätte, musste er schmunzeln und fragte nur verwirrt: „Na, aber warum lässt du sie dann nicht einfach leben? Es ist doch deine Geschichte!“ Aber so ganz stimmt das leider nicht: Die Romanfiguren wissen manchmal mehr als ich … sie schreiben nicht nur den Anfang sondern auch das Ende der Geschichte, so wie wir unser Leben ebenfalls selbst bestimmen.

Damit komme ich zum Ende meiner ausschweifenden Rede an der Speakers’ Corner: Für mich sind meine Figuren genauso lebendig wie alle anderen um mich herum. Sie haben ihren eigenen Charakter und laufen ihren Weg alleine – dabei passieren sie sowohl schöne als auch  weniger schöne Ereignisse. Ich bin nur diejenige, die alles aufschreibt.


Über die Autorin:

 

Aurelia Velten wurde 1993 in Süddeutschland geboren und wuchs zweisprachig auf. Ihr multikultureller Hintergrund findet sich auch in ihren Büchern wieder. Schon sehr früh entwickelte sie ihre Leidenschaft für das Geschichtenerzählen.

Neben ihrem Psychologiestudium versucht sie, so viel wie möglich zu schreiben, was oft in Chaos endet … Zum Glück gibt es zum Stressabbau Schokolade!


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Wer noch mehr über die Autorin wissen möchte, der darf sehr gerne einfach hier einen Kommentar hinterlassen. Selbstverständlich wird euch die Autorin direkt antworten und ich gebe bei Gelegenheit auch meinen Senf dazu ;) Also: alles loswerden! <3 

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Kommentare: 7
  • #1

    Hannah L. (Donnerstag, 30 Juli 2015 13:59)

    Ein toller Beitrag in der speakers' corner! Das Lesen hat richtig Spaß gemacht! Und Fragen sind auch aufgekommen: Ist der Name "Aurelia Velten" dein richtiger/Taufname? Der klingt so musikalisch, so phantasievoll.. Ist es denn ein Phantasiename? :)

    Wenn du alle Figuren so handeln lässt wie du meinst, dass sie selbst handeln. Gibt es dann in jedem Buch eine Person, die du besonders ins Herz geschlossen hast?

    Und hast du auch immer eine Figur die dir ähnlich ist? Oder nimmst du Eigenschaften von dir in deinen Figuren auf?

    Danke :) Hannah

  • #2

    Lena (Donnerstag, 30 Juli 2015 14:06)

    Schön wieder was von Theresas Bücherschrank zu hören ^^

    Toller Beitrag und auch das Foto gefällt mir gut! Spannende Geschichte wie du zu deinen Figuren kommst ;-)

  • #3

    Aurelia Velten (Donnerstag, 30 Juli 2015 19:42)

    Liebe Hannah,
    liebe Lena,


    erst einmal Danke Euch zwei für die lieben Kommentare! :)

    Dann zu Deinen Fragen Hannah: Also Aurelia ist mein richtiger Name - wurde inspiriert von der "Via Aurelia" in Rom (habe teils italienische Wurzeln). Ich dachte immer, der Name klingt so altmodisch, freut mich, wenn er Dir so gefällt! =D

    Zu den Figuren: Ich denke ich schließe meine Hauptcharaktere immer besonders ins Herz. Sie haben alle immer ihre Macken und Kanten und ja, manche Eigenschaften werden von mir selbst oder Bekannten inspiriert! ;) Vielleicht mag ich deswegen manche Eigenschaften einer Figur besonders gern. Ich glaube aber nicht, dass ich eine ganze Figur den anderen vorziehe. Sie sind eigentlich wie sehr, sehr gute Freunde - ich mag sie alle sehr gern, genau so wie sie sind, und leide oder lache mit ihnen mit.
    Tatsächlich hat jede Figur ein paar Eigenschaften von mir, das hast Du richtig vermutet ;) Ich bin nicht so schlagfertig wie Gracie, habe aber ihren schwarzen Humor. Manchmal bin ich zynisch wie Trent. Von Emily habe ich die komischen Anwandlungen, wenn ich aufgeregt bin/Angst habe und Mikhails Ruhe habe ich, wenn ich andere tröste.
    Aber wie gesagt, im Grunde sind die Figuren von vielen Menschen beeinflusst, woraus dein ein Komplex, eine Persönlichkeit entsteht, die dann von selbst zu handeln beginnt.

    Das klingt alles ein wenig abstrakt, ich hoffe, dass ich es dennoch halbwegs verständlich machen konnte :)


    Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend!
    Liebe Grüße,
    Lia

  • #4

    Marie (Freitag, 31 Juli 2015)

    Hast du dann deine ersten Geschichten in einem Tagebuch aufgeschrieben? :-)

  • #5

    Aurelia Velten (Freitag, 31 Juli 2015 16:47)

    Hi Marie!

    Nein, habe ich nicht - wobei das echt witzig gewesen wäre ;) Ich war schon immer ein Bisschen ein Computer-Nerd, da war es dann auch nicht auffällig, dass ich Tagebuch am PC schrieb (zumindest zu Beginn nicht).
    Wobei ich früher immer ein Tagebuch ähnliches Büchlein dabei hatte, um alles aufschreiben zu können, falls mich ein Einfall überkommt... ;)
    Das Problem ist, dass ich meine Handschrift selbst kaum entziffern kann, deswegen ist digital besser für mich geeignet ;)

    Liebe Grüße,
    Lia

  • #6

    Sternchen (Sonntag, 02 August 2015 17:57)

    Du gibst deinen Charakteren gerne starke Persönlichkeiten, oder? Ich finde es wirkt fast so, als stünden bei dir die Personen im Mittelpunkt. Und nicht so der die Handlung? Entwickeln denn die Personen die Handlung für dich?

    Toller Text!

  • #7

    Aurelia Velten (Dienstag, 04 August 2015 18:08)

    Hi Sternchen!


    Ja, die Personen entwickeln tatsächlich die Handlung für mich eben durch ihre Persönlichkeiten ;)
    Ob wirklich all meine Figuren starke Persönlichkeiten sind, da bin ich mir nicht sicher (ist mir bis jetzt auch nicht aufgefallen, Du hast mich da zum Nachdenken gebracht! ;) ).

    Nun, Emily (Band 2) finde ich z.B. gar nicht soo stark, schließlich lässt sie sich ihr Leben lang von ihrer Mutter niedermachen. Sie steht nicht wirklich für sich selbst ein, steckt aber viel ein und trägt den Kopf dennoch hoch. Erst am Ende, als sie ihrer Mutter entgegentritt, würde ich sie als wirklich stark bezeichnen.
    Ich glaube bei mir geht es oft um die Entwicklung der Figuren (auch z.B. Trent [Band1], der mit seiner Vergangenheit aufäumen muss). "Der Weg ist das Ziel" passt, glaube ich, ganz gut. Vermutlich rücken die Figuren auch deshalb so sehr in den Vorder- und die Handlung eher in den Hintergrund.

    Aber Du hast recht, Trent und Gracie sind auf jeden Fall sehr stark. Mikhail vor allem ruhig (eher normal?). Jetzt bin ich aber total gespannt, was Du von Band 3 halten wirst! Denn da ist eine der Hauptfiguren sogar meiner Ansicht nach extrem dominant geraten... =D


    Liebe Grüße und danke, freut mich sehr, dass Dir mein Text oben gefallen hat :)
    Lia