Sabrina Fessler in der ...



„Blogger? Sind das nicht diese geltungssüchtigen Schreiber, die auf ihren Seiten schlecht recherchiert und selbstherrlich ihre Meinungen kundtun, obwohl es eigentlich keinen interessiert?“

Der Satz ist vielleicht etwas überspitzt, aber in etwa so sah mein Bild von Bloggern aus, als ich von der ganzen Sache noch überhaupt keine Ahnung hatte.  Heute blogge ich selbst und mein Bild hat sich natürlich komplett gewandelt. Aber ich will mal von vorne anfangen und euch erzählen, wie ich zum Schreiben und Bloggen gekommen bin und wie ich letztendlich meine große Schwierigkeit überwunden habe,  lange Texte zu strukturieren.


Meine „ersten Worte“


Mit dem Schreiben habe ich angefangen, als ich gerade so ein paar Worte auf Papier bringen konnte. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Grundschülerin aus mehreren bunten Bastelkartonseiten mein erstes Buch gebastelt habe. Die Geschichte darin ging ungefähr so:

„Mama und Papa gehen in die Oper. Die Kinder haben Angst alleine zuhause. Sie gehen auch zur Oper. Mama und Papa kommen aus dem Theater. Die Kinder springen in das Gebüsch. Sie wollen sich verstecken. Oh nein! Es war ein Dornenbusch.“

Jeder Satz stand auf einer Seite und war mit einer Zeichnung versehen. Das waren meine ersten Versuche, eine kleine Geschichte zu schreiben. Auch in der Schule mochte ich die kreativen Aufgaben am liebsten. Leider habe ich innerhalb der Schulstunden nie eine Geschichte fertig bekommen. In der Fantasiewelt in meinem Kopf war einfach zu viel los, um das alles innerhalb von 45 min aufs Blatt zu bekommen. Somit bekamen meine Lehrerinnen regelmäßig halbfertige Geschichten von mir zu Gesicht. Rückmeldung war, ich solle mich kürzer fassen, meiner Fantasie nicht so sehr freien Lauf lassen. Irgendwie ironisch.

Später, so mit 13 habe ich dann viele kurze „Szenen“ (wie ich sie damals genannt habe) geschrieben. Kurze, höchstens eine halbe Seite lange Momentaufnahmen. Meistens ziemlich emotional. Da war ein Soldat, der im Sterben lag und in der Flamme des Feuers seine große Liebe sah; ein kleines Mädchen, das hungert und friert, durch den Regen tappst und von einem Obdachlosen einen Schluck Wein angeboten bekommt, der sie kurz wärmt; oder ein junges Mädchen, das auf einer Brücke steht, über den Eisenbahnschienen die Sonne unter gehen sieht und dabei an den Kreislauf des Lebens denkt und daran, dass sie auch eines Tages unter gehen wird.

Dann, irgendwann im Alter von 15 oder 16 sind meine ersten „richtigen“ Kurzgeschichten entstanden. Mit Anfang, Mittelteil und Schluss. Meistens mehrere Seiten lang. Geschrieben habe ich damals einfach nur für mich. Ich fand die Vorstellung, eines Tages Bücher zu schreiben, die irgendwer lesen möchte und dann noch das Glück zu haben, von einem Verlag genommen zu werden, utopisch. Das war was, was ganz begabte Menschen machen. Diese Begabung hatte ich bei mir damals nicht gesehen und mit fehlte der Mut, es ernsthaft zu versuchen.


Kann da nicht doch mehr draus werden?


So ging es über zehn Jahre weiter. Ich schrieb einfach für mich alles auf, was mir in den Sinn kam und machte mir herzlich wenig Gedanken darüber, ob das alles jemals jemand zu lesen bekam. Vor über einem Jahr hatte ich dann die Idee zu den „Schreibkicks“. Ich bekam Lust, meine Geschichten mit irgendwem zu teilen, gemeinsam mit Anderen Texte zu schreiben und auszutauschen. Also suchte ich mir ein paar Mitschreiber und rief das Projekt ins Leben. Bei den Schreibkicks wird am 1. Jeden Monats ein Thema bekannt gegeben. Dann kann jeder, der Lust und Zeit hat innerhalb des nächsten Monats einen Text dazu schreiben und am darauf folgenden 1. auf seinem eigenen Blog posten. Die Teilnehmer verlinken sich dann untereinander.

So bin ich also zu meinem ersten Blog gekommen. Er war wirklich nur dafür da, monatlich die Schreibkicktexte zu posten. Natürlich war ich in der Anfangszeit ständig auf der Suche nach Mitschreibern, wodurch ich viele andere Blogs kennen lernen durfte. Da habe ich gemerkt, dass die meisten  Blogger wirklich mit Herzblut dabei sind. Sie versuchen, Themen, die ihnen wichtig sind aufzugreifen, mit anderen ihre Erfahrungen zu teilen, oder ihre Leser zu unterhalten. Nach und nach bin ich immer vertrauter mit dieser Welt geworden und habe Stück für Stück angefangen, meinen eigenen Blog auszubauen, bis er zu dem geworden ist, was er jetzt ist. Mittlerweile finden sich dort nicht nur die Schreibkicktexte, sondern auch aktuelles zu meinen Projekten, allgemeines übers Schreiben und ein Reiseblog. Außerdem sind die Rubriken „Fair Trade“ und „vegan“ im Aufbau. Zwei Themen, die mich seit Jahren beschäftigen.

Auch wenn ich mir früher ziemlich glaubwürdig eingeredet habe, „nur für mich“ zu schreiben, war es doch mein Traum, mal etwas Längeres zu schreiben, als eine Kurzgeschichte. Einen Roman, eine Trilogie oder irgend sowas. Nur leider bin ich bis vor einem guten Jahr immer am Plot gescheitert. Ich hatte eine Idee und habe dann krampfhaft versucht, meine Fantasie in eine Geschichte zu pressen. Charakterbögen, Schneeflockenmethode, Spannungsbögen, ist meine Geschichte Charakter- oder Handlungsdriven? Mit all diesen Dingen habe ich mich beschäftigt. Und doch bin ich ab irgendeinem Punkt nicht weiter gekommen. Ich habe versucht, alles richtig zu machen, sämtliche Motive, Leidenschaften, Abgründe und Lieblingsorte meiner Charaktere zu kreieren, von einem einzelnen Satz zu einem Plot zu kommen und so weiter und so fort. Und doch ist nie was „Ganzes“ draus geworden. Das Problem bei der Sache war vermutlich – im Nachhinein betrachtet - dass ich oft schon viele Ideen hatte, meine Geschichte war in kleinen Fetzen schon präsent, wenn ich anfangen wollte, sie zu sortieren. Dann von einem Satz aus zu gehen oder all die Fetzen und vor allem die Charakterentwicklungen zwischen den Fetzen in einem vorgegebenen Charakterblatt fest zu halten, fiel mir unglaublich schwer. Schreib ich die Veränderungen, die mein Charakter durchlaufen soll mit rein? Schreib ich den Ausgangspunkt auf? Ich war überfordert.


Und wie bekomm ich das jetzt sortiert?


Für meinen jetzigen Roman habe ich die Sache ganz anders angepackt. Ich habe all die Fetzen und Szenen, die in meinem Kopf bereits existiert haben auf Karteikarten geschrieben. Immer, wenn ich eine Idee für eine coole Szene hatte, kam sie auf eine einzelne Karte. So habe ich erstmal gute zwei Monate gesammelt. Es entstand ein riesiger Berg Karteikarten. Auf manchen waren die Szenen schon recht vollständig beschrieben, auf anderen standen nur Stichworte, wie z.B. „Auf dem Jahrmarkt“. Auf dem Bild seht ihr einen Ausschnitt meiner Sammlung:

Als ich das Gefühl hatte, die meisten Schlüsselszenen zusammen zu haben, musste ich irgendwie zu einem Gerüst kommen, in das all diese Szenen hinein passen. Oder eben ein paar Szenen aussortieren, die in das große Ganze nicht mehr passen.

Ich habe also zunächst die Karteikarten so angeordnet, wie sie im Laufe der Geschichte zeitlich vorkommen. Jetzt musste ich nur noch die Lücken füllen. An manchen Stellen war ganz klar, was rein muss. An anderen fehlte etwas, bzw. ich hatte mehrere Möglichkeiten, wie ich zur nächsten Szene kommen könnte. An dieser Stelle habe ich mir eine Strategie zu Nutzen gemacht, die Boris Maggioni in seinem Buch „Romane schreiben für Anfänger und Fortgeschrittene“ beschreibt. Dabei stellt man sich die einfache Frage: „Was wäre wenn…?“

Eine meiner Schlüsselszenen ist beispielsweise ein Gespräch zwischen meinen Protagonistinnen. Nur weiß ich noch nicht, wie sie sich kennen lernen. Irgendwie müssen sie ins Gespräch kommen und wenn möglich auch recht schnell den Zugang zu persönlicheren Themen finden. Also habe ich gesammelt:


  • Was wäre, wenn sie sich in einem Café zufällig treffen?
  • Was wäre, wenn sie sich im Bus gegenüber sitzen, dasselbe Buch lesen?
  • Was wäre, wenn die eine die andere um Auskunft bittet?
  • Was wäre, wenn eine etwas verliert, die andere es ihr bringt?
  • Was wäre, wenn sie gemeinsame Freunde haben?
  • Was wäre, wenn sie ineinander rennen?
  • Was wäre, wenn sie seit "heute" Kolleginnen sind?
  • ...

So konnte ich Ideen generieren und schauen, was zu den beiden am besten passen könnte. Nach und nach konnte ich auf diese Weise die Lücken füllen. All die Informationen sind dann in ein Textdokument gewandert, wo ich eine Szene nach der anderen aufgelistet habe. Und fertig war der Plot. In ca. zwei Monaten bin ich so ganz stressfrei von einer Idee zu einem vollständigen Handlungsstrang gekommen. Ich habe auch noch Charakterblätter angefertigt, aber um ehrlich zu sein danach nie wieder drauf geschaut. Diese „strukturierte Chaosmethode“ funktioniert für mich super. Ich bin mittlerweile beim Schreiben bei der Hälfte des Romans und ein neuer Plot ist in Arbeit, auch wenn erst 4 Karteikarten bestehen.

Während das Schreiben für mich vor gut einem Jahr noch ein sehr kleines Hobby war, ist es aus meinem Alltag inzwischen kaum noch weg zu denken. Ich liebe meinen Blog, die Schreibkicks, den Blogroman (der ebenfalls monatlich erscheint) und meine „großen“ Schreibprojekte. Dadurch, dass ich den Mut gefasst habe, die Schreibkicks ins Leben zu rufen und mit meinen Texten an die Öffentlichkeit zu gehen, habe ich die Motivation bekommen, auch meinen Traum vom eigenen Buch endlich in Angriff zu nehmen. Reiseblog & Co sind ein netter Zeitvertreib, der mir ebenfalls sehr viel Spaß macht.


Traut euch!


Ich möchte damit allen Mut machen, die vielleicht bisher auch „nur“ für sich schreiben. Traut euch! Fangt an euch auszutauschen und zu vernetzen. Dann lernt ihr von den anderen, bekommt eventuell brauchbares Feedback und lernt unglaublich viel dazu.

Wenn euch die Sache mit den Schreibkicks nun interessiert, ich freue mich, wenn ihr mich auf meinem Blog besuchen kommt: www.sabi-writing-whatever.com

Liebe Grüße,
eure Sabi


Über die Autorin:


Sabrina Fessler wurde 1988 in Sindelfingen geboren,  wo sie heute auch wieder lebt. Für fünf Jahre hat sie in Innsbruck gelebt und studiert. Das kreative Schreiben gehört seit jeher zu ihrem Leben dazu, aber erst in den letzten Jahren begann sie, ihre Texte auf ihrem Blog zu veröffentlichen. Im September wird zum ersten Mal einer ihrer Texte in einer Anthologie veröffentlicht. Momentan arbeitet sie an ihrem Roman und einer Kurzgeschichtensammlung. Zu ihren großen Leidenschaften zählen außerdem Pen and Paper Rollenspiele, Musik, Gesang und Songwriting.


Das war mal wieder ein langer Text, aber sehr spannend. Auch für mich!! Danke, liebe Sabi, dafür, dass du solch schöne und auch motivierende Worte für uns gefunden hast! Und jetzt seid ihr, liebe Leser dran! Stellt einfach die Fragen, die jetzt gerade in eurem Kopf rumspuken und entweder antworte ich euch oder Sabi direkt! Wenn ihr sonst was los werden wollt, ist natürlich auch dafür in den Kommentaren Platz ;) 

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Kommentare: 5
  • #1

    Sara (Donnerstag, 16 April 2015 19:22)

    Man merkt immer, dass es Autoren sind, die hier sprechen. Bei solch langen Texten! Aber mal wieder richtig schön verfasst, und auch toll gestaltet! Klingt sehr spannend und informativ! Hast du eine Verwendung für die Songtexte? Singt die irgendjemand? Oder veröffentlichst du die auch auf deinem Blog? Das würde mich brennend interessieren!
    Viele Grüße, Sara

  • #2

    Sabi (Donnerstag, 16 April 2015 21:31)

    Hallo Sara,

    danke für deine lieben Worte. Freut mich, dass dir mein Text gefällt.
    Für die Songtexte habe ich noch nicht wirklich Verwendung. Einen habe ich inzwischen aber trotzdem aufgenommen, auch wenn ich noch nicht so gut singen kann. Du findest das Video in dem Schreibkicktext "Ins Netz gegangen" unter dem Text als Link.
    Irgendwann will ich mehr Songs aufnehmen, aber dafür muss meine Gesangsstimme noch besser werden ;-)

    liebe Grüße,
    Sabi

  • #3

    Sternchen (Freitag, 17 April 2015 09:00)

    Die speakers' corner liest sich super!! :) Und auch sehr interessant!! Wenn ich doch nur schreiben könnte... Dann würde ich jetzt sofort zum Stift greifen ;) Hast du eigentlich auch schon Schreib Workshops besucht oder so?

  • #4

    Maria Z. (Freitag, 17 April 2015 12:10)

    Schön geschrieben!

  • #5

    Sabi (Freitag, 17 April 2015 21:13)

    Hallo Sternchen und Maria :-)
    Danke für das liebe Feedback!
    Sternchen, hast du es denn schonmal probiert mit dem Schreiben? Ich habe irgendwann festgestellt, dass es ganz viel mit Übung zu tun hat. Viele Texte klingen komisch, wenn man anfängt. Man weiß nicht, woran es liegt und entdeckt dann in einem Buch oder so eine Szene, wo der Autor das hinbekommen hat, was man nicht geschafft hat und versteht dann woran es lag. So gings mir zumindest oft. Und wenn man dann weiter macht, klappts irgendwann besser :) Einen Workshop hab ich noch nicht mitgemacht. Aber ganz viel gelesen, was andere Autoren so machen :-)

    lg,
    Sabi