Veras Geschichten

Teil 7

Nach einiger Zeit klingelt es an der Tür und als ich öffne, steht dort zu meinem Erstaunen ein Baum vor mir. Ein Birnbaum, an dem unzählige reifer Früchte hängen. 

„Was wollen Sie?“ frage ich den Baum.

Mit einer kratzigen, tiefen Stimme antwortet er: „Sie haben einen Notruf abgesetzt, wenn ich das richtig verstanden habe. Hier ist der Service.“

„Seit wann lassen die denn Bäume beim Notarzt arbeiten?“, will ich wissen.

„Seit es die neuen Gesetze für Gleichberechtigung gibt. Ich arbeite nur als Fahrer. Was ist jetzt, soll ich jemanden abholen, oder nicht?“

„Jaja, kommen sie“, sage ich und denke mir dabei: Ist der ungeduldig.

Der Baum versucht nun hereinzukommen, was wirklich leichter gesagt als getan ist. Er muss alle seine Äste einziehen, und ein paar kleine Zweige brechen ab und landen auf dem Boden, als er sich durch die Tür quetscht. Ich folge ihm auf dem Weg ins Wohnzimmer und inzwischen ist mir auch klar, was das mit den Reinigungskosten bedeuten sollte. Einige Birnen, die schon halb vergammelt aussehen, fallen auf den Boden und werden vollkommen zermatscht, als der wuchtige Baum über sie hinweg steigt. Meinen Hund Paprika scheint das allerdings zu freuen, denn er macht sich sofort über die überreifen Birnen her.

Der Baum schnappt sich nun den starren Italiener, hebt ihn einfach hoch und trägt ihn hinaus.

„Diese arme Blume sieht fettleibig aus“, bemerkt er im Vorbeigehen mit einem Blick auf unsere fleischfressende Pflanze. „Sie sollten ihr nicht so viel zu essen geben.“ 

„Danke für den Tipp“, brumme ich und sehe dem Italiener nach, der  nun in den Krankenwagen verfrachtet wird. Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser, damit er mir endlich mehr von meinem Vater erzählen kann.

Nachdem ich die Tür hinter ihnen geschlossen habe, mache ich mich ans Aufräumen. Ich fege die matschigen Birnen unter mein Bett. Maribelle wird sich darüber freuen, denn so haben ihre Würmer etwas zu essen und sie muss nicht extra dieses völlig überteuerte Würmerfutter kaufen.

 

Später mache ich mich auf dem Weg, um Maribelle von der Apotheke abzuholen. Vor unserem Haus habe ich vor einigen Monaten eine Art unterirdische Höhle eingebaut, in der wir von da an unser Auto Schelden geparkt haben. Schelden war nämlich der Meinung, dass er sich Erkältungen zuziehen könnte, wenn er die ganze Nacht über draußen steht. Ein bisschen kann ich das ja verstehen, aber, meine Güte, er ist ein Auto und soll sich mal nicht so anstellen! Jetzt jedenfalls drücke ich auf den grünen Knopf direkt an unserem Springbrunnen und die Erde öffnet sich und Schelden fährt nach oben. 

„Hier, ich hab dir was ganz Besonderes mitgebracht“, sage ich zu ihm und halte ihm den Kanister mit dem Biogas des Italieners hin.

So ganz glücklich sieht er damit nicht aus, er guckt eher etwas misstrauisch. Aber das ist mir egal. Ich steige ein und mache mich auf den Weg zur Apotheke. 

Sofort meldet sich der kleine Affe zu Wort: „Es ist sonnig draußen.“

„Ich weiß.“

„Du solltest einen Hut anziehen.“

„Musst du eigentlich immer über das Wetter reden?“

„Von übermäßiger Sonneneinstrahlung kann man Hautkrebs kriegen.“

Ich erwidere nichts darauf.

Er fährt fort: „Seidenspinnraupen haben elf Gehirne. Mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, verbraucht circa 150 Kalorien pro Stunde. 20 Prozent aller Autounfälle in Schweden werden durch Elche verursacht. Ein Moskito hat 47 Zähne.“ 

Der Affe wird mir mit der Zeit immer unheimlicher. „Du bist irgendwie gruselig“, sage ich zu ihm. Was er natürlich sofort als Beleidigung auffasst und sich daraufhin beleidigt in sein Handschuhfach verzieht. Ich muss mir mit Maribelle wirklich etwas überlegen, wie wir ihn loswerden. 

 

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