Vera Geschichten

Teil 6

„Ja… Nein!“, ruft er und rauft sich die Haare. „Isch meine eine Bande!“ Der Unterschied zwischen Bande und Bande ist mir allerdings nicht so richtig klar, und er scheint es zu merken und versucht nun zu erklären: „Da, wo man machte Musik susammen und singte Lieder.“ Da wird mir klar, dass er eine Band meint und ich nicke.

Er fährt stolz fort: „Er hatte gespielt schottischen Dudelsack und isch rumänischen Dudelsack und dasu haben wir gesungen Volks- unde Wanderlieder. Unde wir waren sehr beruhmt geworden!“ 

In diesem Augenblick geht plötzlich unsere Alarmanlage los und der Italiener springt auf und fällt hin, weil er sich das Bein an unserem Tisch gestoßen hat, und knallt mit dem Kopf auf den Tisch, der umkippt und ihn unter sich begräbt. Ich gehe währenddessen zu dem großen Schalter neben der Tür, drücke drauf und stelle so den Lärm ab. „Keine Sorge!“, rufe ich meinem Gast zu, der unter einem so riesigen Haufen von Büchern, Kastanien, Wassermelonen und was sonst noch so auf unserem Tisch lag, begraben ist, dass ich mich frage, ob er mich überhaupt hören kann. „Das war nur unsere fleischfressende Pflanze, die hat den Alarm ausgelöst, weil sie Hunger hat, wissen Sie? Ich gebe ihr nur kurz was zu essen.“ Ich gehe ins Badezimmer und hole ein paar Biokräcker für die Pflanze, mal etwas Gesundes. Heute Morgen hat sie nämlich schon achtundzwanzig Frikadellen bekommen, und Maribelle ermahnt mich ständig, dass die arme Blume übergewichtig werden könnte. Und Maribelle muss es ja wissen. Die Pflanze scheint mit den Kräckern allerdings nicht sehr zufrieden zu sein, denn sie fängt an ein paar würgende, wirklich besorgniserregende Laute von sich zu geben. „Alles ok?“, frage ich und schaue sie skeptisch an. Leider antwortet sie nicht, sie ist wahrscheinlich beleidigt, dass sie nicht ihr Lieblingsessen bekommen hat. 

Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Der Italiener hat sich inzwischen aufgerappelt, sieht aber trotzdem noch etwas mitgenommen aus. „Alles ok?“, frage ich ein weiteres Mal und erhoffe mir diesmal wenigstens eine Antwort. Doch er schweigt nur und starrt mit verstörtem Blick auf einen unbestimmten Punkt irgendwo hinter mir. „Halloho“, sage ich und wedele ihm mit der Hand vor dem Gesicht herum, aber seine Augen bewegen sich nicht. Irgendwie bewegt sich überhaupt nichts mehr an ihm, habe ich so das Gefühl. Ich tippe ihn verunsichert an der Schulter an und er kippt einfach um, knallt mit Kopf gegen die Kante des Sofas und bleibt so bewegungslos in einer merkwürdigen Position liegen. Das ist jetzt wirklich seltsam. Vielleicht wäre dies der richtige Zeitpunkt, einen Krankenwagen zu rufen. Also schnappe ich mir das Telefon und wähle die Nummer des Notdienstes. Zuerst erklingt eine schräge Melodie, die ganz offensichtlich von einer Trompete gespielt wird. Dann meldet sich eine müde Stimme: „Hallo.“ 

„Hallo, ich bräuchte einen Krankenwagen“, fange ich an und nenne meine Adresse. 

„Wollen sie Beaming oder Service?“

„Mir egal.“

„Gut, es kommt gleich jemand bei ihnen vorbei. Wir kommen nicht für die Reinigungskosten auf“, fügt die Stimme genervt hinzu und legt auf. Ich bin etwas verwirrt. Was für Reinigungskosten?

Während ich warte fange ich an, an meinem Eisschiff weiterzubauen. Es ist inzwischen schon ziemlich groß und gute drei Meter lang. Maribelle und ich haben uns überlegt, ob wir in ein paar Jahren mal damit nach Panama fahren wollen, was ich für eine ausgesprochen gute Idee halte.

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Kommentare: 1
  • #1

    Nina (Montag, 14 Juli 2014 12:37)

    Hier steckt richtig viel Phantasie drinnen, macht Spaß zu lesen!