Veras Geschichten

Teil 4

Ich gehe ein Eis essen, während meine Schwester ihrer Berufung nachgeht.

Es gibt eine kleine Eisdiele in der Nähe von unserem Haus, bei der man außer Eis auch lebendige violette Eulen und Löwen kaufen.

Als ich dort ankomme, sehe ich zwei neue Verkäufer hinter der Theke stehen.

Eine circa 90-jährige Oma, die eine Lotusblüte in den Haaren und eine knallgelbe, riesengroße Brille auf der Nase hat. Der Andere ist ein junger Mann, der eine ausgesprochen interessante Haarfarbe hat. Eine seltsame Mischung aus Weinrot, Lila und Dunkelbraun.

Ich bestelle insgesamt 18 Kugeln Bioeis mit Kiwi-Gurke-Geschmack und setze mich in eine Hängematte, die zwischen zwei riesigen Palmen aufgespannt ist.

Ich beginne mein Eis zu essen, als mich plötzlich jemand am Rücken antippt. Ich drehe mich um und sehe einen riesigen Mann mit schwarzem Anzug und einer teuren verspiegelten Sonnenbrille hinter mir stehen. Dazu gebräunte Haut und nach hinten gegelte, schmierige schwarze Haare. Er sieht aus, wie der typische Macho-Italiener.

„Entschuldigen Sie“, sagt er mit, wie erwartet, italienischem Akzent und einer ziemlich tiefen Stimme. „Wir haben eine Angebote fur Sie.“

„Aha“, sage ich weise.

„Wir verkaufen Biogase fure Auto. Iste sehr billig unde gute fur Umwelt. Sie können hier bestelle.“

„Und ist das auch Auto-freundlich?“, will ich wissen. „Mein Auto hat nämlich oft Schluckauf und ist gegen diverse Sachen allergisch.“

„Isch kann nichte verstehen. Hier Sie haben eine gute große Kanister mit Biogas. Sie könne anschaue.“

Er hält mir einen pinkfarbenen Zehn-Liter-Kanister entgegen. Ich nehme ihn und beginne die Zutatenliste zu lesen.

„Tut mir leid, aber da ist malzextrakthaltiges Verdickungs- und Antioxidationsmittel drin. Mein Auto ist dagegen allergisch“, sage ich, stehe auf und drücke dem Typen den Kanister in die Hand. Dann wende ich mich zum Gehen.

„Nein, warten Sie! Wir haben auch andere Angebote! Sie auch bekomme umsonste!“, ruft er mir hinterher.

„Ach ja, wie komme ich zu der Ehre?“

Er stellt sich direkt vor mich, faltet die Hände zusammen und sagt mit theatralischem Gesichtsausdruck: „Isch kannte Ihren Vater. Er war ein guter Mensch.“

Jetzt bin ich ganz Ohr, denn wenn dieser Typ meinen Vater tatsächlich gekannt hat, ist das vielleicht die Gelegenheit, etwas mehr über ihn herauszufinden.

„Wirklich?“, frage ich.

„Oh ja. Er war immer freundlisch und hate nie Ärger gemachte unde...“

„Nein, ich meine nicht: Wirklich, war er freundlich? Sondern: Wirklich, Sie kannten ihn?“

„Oh ja, wir waren susammen gewohnt fur zwei Jahre unde dann, als er verschwand... es hatte mir das Herz gebrochene.“

„Wissen Sie denn etwas darüber? Ich meine, was passiert ist, als er plötzlich weg war?“

„Nun ja, iste eine lange Geschichte...“

„Na gut, dann würde ich sagen, Sie kommen mit zu mir nach Hause und erzählen mir, was Sie wissen“, schlage ich vor.

„Nun ja...“

„Ich kaufe auch zwei Kanister von Ihrem komischen Biogas.“

„Oh!“, sagt er und strahlt, wie ein kleiner Junge der ein Eis geschenkt bekommen hat, was wirklich komisch aussieht in seinem erwachsenen Gesicht. Wahrscheinlich kommt es nicht oft vor, dass jemand irgendwas von ihm kauft, aber um mehr über meinen Vater zu erfahren werde ich es tun müssen. Außerdem ist es Scheldens Problem, wenn er von dem Biogas Ausschläge auf seinen Autotüren bekommt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0